St. Martinus | Westerholt

St. Martinus | Westerholt - Impressionen

 

 

Geschichtliches Weiterlesen ...

Am Recklinghäuser Landrücken aus eiszeitlichem Geschiebemergel liegt Westerholt auf der Wasserscheide zwischen der Lippe im Norden und der Emscher im Süden. Hier verläuft der nördliche Rand des Ruhrgebietes, dieses Industrie- und Wirtschaftsraumes von weltweiter Bedeutung. In 700 bis 1200 Meter Tiefe und nach Norden noch tiefer finden sich hier die kostbaren Energiespeicher der Kohlenflöze von urzeitlich untergegangenen Wäldern, über denen sich die Ablagerung von Jahrmillionen türmt. Ein Zeuge für den Geröltschutt, den zuletzt die Eiszeiten hinterließen, ist der große Findling auf dem Westerholter „alten Friedhof, wo jetzt das Pfarrzentrum steht. Die ersten Menschen erschienen in dieser Gegend — wie Funde am Südrand von Recklinghausen im Jahre 1911 bewiesen — schon in der Steinzeit. Namentlich bekannt wurden in der Geschichte aber erst die Germanenstämme der Sugambrer und Brukterer als Feinde der Römer bei deren Vordringen nach Osten und auch in der Entscheidungsschlacht am Teutoburger Wald im Jahre 9 n. Ohr. Nur etwa ein Jahrhundert lang —vom Ende des 7. bis zum Ende des 8. Jh. — herrschten hier die Sachsen, Der Name Westerholt erscheint urkundlich zuerst als HOLTA in einem Güterverzeichnis der im Jahre 799 vom hl. Ludgerus, dem ersten Bischof von Münster, gegründeten Benediktinerabtei Werden (heute Essen-Werden). Die aufgezeichneten Güterübertragungen (Traditionen) geben über Höfe und deren Besitzer im Vest Recklinghausen erste geschichtliche Auskünfte. So schenkte ein gewisser Gerbertus für das Seelenheil seines Sohnes Rabald seinen Unterhof in Holta (Westerholt) der Abtei Werden. Das Datum dieser Übertragung liegt nicht fest, sie kann jedoch — bei einem Vergleich mit anderen Schenkungen — um das Jahr 980 erfolgt sein. Dagegen ist die genaue Datierung einer Urkunde aus dem Jahre 1047 möglich. Am 3. Mai 1047 stiftete Gerold, der 19. Abt von Werden, ein Jahresgedächtnis für sich, bei dessen Feier den Mönchen eine reichliche, Tröstung in Brot, Wein und Fisch gereicht werden sollte. Gleichzeitig machte der Abt ein Vermächtnis über die Bekleidung der Klosterschüler mit einenen Gewändern. Er führte in der Urkunde einige Güter auf, welche die Kosten für seine Stiftungen aufbringen sollten. Dabei wird eine Besitzung in Westerholt (in Wester­holta juxta Redese) bei Resse genannt, welche vier Schillinge eintrug. Die Annahme scheint gerechtfertigt, dass es sich um den Unterhof handelte, den —vielleicht lange Zeit vorher Gerbertus dem hI. Ludgerus übertragen hatte. Ob die Siedlung Westerholt schon vor der Gründung der Burganlage der Herren von Westerholt bestanden hat, kann nicht eindeutig entschieden werden.

Die erste urkundliche Nennung des Ortes liegt jedenfalls 146 Jahre vor der erstmaligen urkundlichen Erwähnung der Herren von Westerholt. Im Jahre 1193 wurden bei einer Besitzübereignung an das Kloster Flaesheim zwei Herren von Westerholt als Zeugen aufgeführt. Die Übertragung erfolgte in Anwesenheit des Erzbischofs Bruno von Köln. Neben Zeugen von hohem Rang, dem Kölner Dompropst, dem Xantener Propst, dem Bruder des Grafen von Jülich, sind einige Ritter aus dem Vest Recklinghausen aufgeführt, darunter auch die Brüder Johann und Theoderich von Westerholt. Offenbar standen beide damals schon in hohem Ansehen und gehörten zum „alteingesessenen“ Adel, der schon längere Zeit auf seiner Wasserburg saß. Die Schreibweise des Namens in der lateinischen Urkunde war „de Westerholze; die Burg lag im Holz (= Wald) im Westen von Recklinghausen. Um die Burganlage wurden Werkstätten und nach und nach auch Gesindewohnungen errichtet. Es folgten weitere Handwerker und sonstige Ansiedler, die den Schutz der Burg suchten. Die Siedlung wurde zur „Freiheit Westerholt", die mit Wall und Doppelgräfte umgeben und durch zwei Tore gesichert war, von denen eins noch besteht. Noch heute ist die geschlossene Anlehnung des „Alten Dorfes“ an Schloß Westerholt in einer geradezu einmaligen Deutlichkeit zu erkennen. In grauer Vorzeit wurde in Westerholt eine Kapelle gebaut. Für ihr hohes Alter spricht ihr Patron, der Bischof St. Martin, der infolge der uralten Beziehungen des Vestes zu den Rheinfranken schon in frühester Zeit der Christianisierung verehrt wurde. Im Jahre 1310 wird in einer Urkunde der, "kercher" (Kirchherr, Rektor) der Kapelle zu Westerholt, Eberhard Freitag, genannt. Die Westerholter Kirche war ursprünglich eine der zahlreichen Tochterkirchen der Petrus-Kirche in Recklinghausen, hatte aber schon im 15. Jahrhundert die vollen Rechte einer Pfarrkirche erlangt. Im Jahre 1658 wurde das völlig verfallene Kirchenschiff niedergerissen und im gleichen Jahr breiter wieder aufgebaut. Diese alte St. Martinus-Pfarrkirche ist im Jahre 1907 verkleinert in den Besitz der gräflichen Familie übergegangen: Der 1696 errichtete Kirchturm wurde vom Kirchenschiff abgetrennt und blieb als romantische Bauruine erhalten. Die alte Freiheit Westerholt hatte 1815 688 und 1870 erst 750 Einwohner. Dann entwickelte sich die Kohlen- und Eisenindustrie in den Nachbarstädten und ließ, wie im ganzen „Revier", auch in Westerholt die Bevölkerungszahl emporschnellen. 1905 hatte Westerholt 2135 Einwohner.

Nach Abteufung der Schachtanlage Westerholt, die 1907 begann, stieg die Einwohnerzahl ständig an und betrug am 1. Januar 1975 bei der Vereinigung mit der Stadt Herten 13269 Einwohner. Im Jahre 1890 waren die Ortsteile Ebbelich und Langenbochum zur Kirchengemeinde Westerholt eingepfarrt worden. Das alte Gotteshaus bot nicht mehr genügend Platz für die so groß gewordene Gemeinde, ein Neubau wurde notwendig. Deshalb wurde auf einem vom Grafen von Westerholt gestifteten Grundstück die neue St. Martinus-Pfarrkirche erbaut.

 

Baugeschichte und Baubeschreibung Weiterlesen ...

Die Aufzeichnungen, die über das Entstehen der neuen Martinuskirche berichten, sind kurz und knapp. Doch ist bekannt, dass die Suche nach einem neuen Baugelände sehr viele Schwierigkeiten zwischen der kirchlichen Gemeindevertretung, dem Kirchenvorstand und dem Pfarrer brachte. Als der Kirchenvorstand im Jahre 1898 zu dem Entschluss kam, der Bau einer neuen, größeren Kirche sei notwendig, konnte er sich der Unterstützung der gräflichen Familie sicher sein. Die alte Kirche brauchte nicht abgerissen zu werden. Der Graf von Westerholt übernahm sie und stiftete am 2. April 1898 ein Grundstück. Ein Bauplatz war nun da, ein Bauplan kam hinzu, gefertigt von dem Münsteraner Privatarchitekten A. Kersting. Namens der Kirchengemeinde und mit der Genehmigung der bischöflichen Behörde in Münster reichte Kersting das Baugesuch am 8. Sept. 1900 bei der Baupolizei in Buer ein, wobei er vermerkte, die bautechnische Prüfung der Pläne und Berechnungen sei durch den königlichen Baurat Volmar in Münster bereits vorgenommen. In der Baubeschreibung, die dem Baugesuch beigefügt war, führte Kersting folgende Einzelheiten aus: „Der Bauplatz für die Kirche liegt am Ausgang des Dorfes an der Landstraße nach Herten. Eine bedeutende Vergrößerung des Dorfes ist dadurch erschwert, dass der Grundbesitz zum größten Theile in Händen der Grafen von und zu Westerholt ist; namentlich ist der entgegengesetzte Ausgang der Ortschaft vollständig vom Schlosse und zugehörigen Grundbesitz eingenommen, sodass eine etwaige Vergrößerung des Dorfes nur nahe der neu zu erbauenden Kirche stattfinden kann. Ein Teil des Bauplatzes war in früheren Jahren Dorfgraben. Die gestreckte Form des Grundstückes schrieb die Lage der Kirche vor. Der Plan, bestehend aus 7 Blatt Karton mit 2 angeklebten Stückzeichnungen und 3 Blatt Konstruktionszeichnungen stellt eine gewölbte romanische Basilika dar mit 3 Absiden, wenig vortretendem Kreuzschiff und einem Westturm. Die Spannweite des Mittelschiffes beträgt 10,00 m, die Gesammtbreite des inneren Kirchenraumes 20,00 m, die innere Gesammtlänge einschl. Absis und Turm = 53,40 m. Die äußere Gesamtlänge beträgt 58,00 m, die Kämpferhöhe im Mittelschiff 10,70 m, die in den Seitenschiffen 5,00 m. Höhe des Schlusssteins des Mittelschiffgewölbes 17,20 m, die Hauptgesimshöhe außen über dem Kirchenfußboden = 16,30 m. Der Stapel (Mauerkärper) des Turmes (ohne d. Giebel) ist hoch 32,50 m, die Gesamthöhe des Turmes einschl. des Hahnes = 64,00 m. Die Kirche ist in den Schiffen mit Kreuzrippengewölben, in Vierung und Apsiden mit Kuppelgewölben geschlossen; die Seitenschiffe enden östlich vom Querhaus in gestaffelten Nebenchören mit Durchblick zum Hauptchor. Nach der Baubeschreibung wollte Kersting auch einen Lettner aufstellen. Die Eingänge liegen im Turm, in der Kapelle nördlich des Turms und an der Nordseite des Querhauses, alle auf die vorbeiführende Straße hin ausgerichtet. Ihnen entsprechen an der Südseite neben dem Turm die Taufkapelle und am Querhaus die Sakristei. Die neue Kirche ist für 800 Sitzplätze bemessen. Man rechnete damals noch mit 13/30 (d.i. mehr als 40 v.H.!) Kirchenbesuchern. Bei rund 2100 Seelen konnten demnach etwa 915 Gläubige zur Messfeier erwartet werden und fast alle in einer Messe in den Bänken Platz finden. Über dem Sakristeianbau am Südquerhaus ist eine Loge für die gräfliche Fa­milie eingerichtet mit zwei Bogenöffnungen und leicht vorkragendem Balkon, belichtet vom Kircheninnern her über die seitlichen Querschifffenster. Kersting zeigt sich in einer Fülle von Detailangaben, im Umgehen von Schwierigkeiten und in der Kombination von technisch notwendigen mit sonst irgendwie nützlichen Lösungen als versierter und erfahrener Fachmann. Als Baumaterial für die Kirche schlägt er „aus Sparsamkeitsgründen so weit wie angängig Ziegelsteine vor. Außen wollte er bessere Ziegelsteine verwenden und Naturstein nach Möglichkeit ganz vermeiden. Damit ist er aber nicht durchgekommen. Die Kirche ist vollständig mit Tuff-Werksteinen verblendet. Im Innern sind die Rundstützen aus schwarzem belgischem Granit, und die schlanken Stäbe der Gewölbedienste aus Werkstein, sowie es in der Baubeschreibung Kerstings vorgesehen war. Aber für die Pfeiler und Gurtbögen nahm man nicht den geplanten Ziegel-, sondern auch hier wieder Werkstein. —Gegenüber den zunächst veranschlagten Baukosten von 190 000 Mark belief sich die Rechnung schließlich auf rd. 300 000 Mark, was angesichts der wesentlich anspruchsvolleren Materialwahl nicht verwundert. Die St. Martinusgemeinde erhielt am 27. Okt. 1900 die Genehmigung für den Kirchenneubau. Den ersten Spatenstich machte sie am 10. April 1901, und die feierliche Grundsteinlegung folgte am 20. September desselben Jahres. Am 13. Okt. 1903 weihte Weihbischof Maximilian von Galen die neue Kirche ein. Als im März 1904 die Turmuhr montiert wurde, stürzte der Dachdecker Heinrich Schmitz aus Recklinghausen tödlich ab. Vier Glocken wurden im August des Jahres 1904 von der Glockengießerei Edelbrock in Gescher geliefert und läuteten erstmals zu Advent und Weihnachten. Es waren die Martinus­(c), Marien- (d), Josefs- (e) und Engelglocke (g). Bis auf die kleinste wurden sie 1917 für Rüstungszwecke eingeschmolzen. Am 18. Dezember 1908 stellte die Kunstschreinerei Niehues aus Münster das Hochaltar-Retabet auf, das sie nach dem Entwurf von Dr. Witte Köln gefertigt hatte. Erst 1909 bekam die Martinuskirche ihre Orgelbühne (die 1928 erweitert wurde) und zum goldenen Priesterjubiläum von Pfr. Mensinck ihre Orgel, gebaut von den Gebrüdern Breil in Dorsten mit 36 (heute 37) klingenden Registern, drei Manualen und Pedal. — Die Kanzel Münsteraner Künstlers Falga mit drei Bronzereliefs aus dem Leben des Kirchenpatrons steht seit 1913 in der Kirche. Fünf Jahre nach dem Ende des 1. Weltkrieges erhielt die Gemeinde mit kräftiger Hilfe des Grafen von Westerholt drei neue Gußstahlglocken vom Bochumer Verein. Diese sind inzwischen bis auf eine durch Bronzeneugüsse von Petit & Edelbrock in Gescher ersetzt worden. Es sind dies: 1. Glocke Ton B0 Stahl gegossen 1923: Egon der edle Graf weihte mich dem hl. Martinus, damit er beschirme die Burg und auch den Ort. — 2. Glocke Ton Bronze gegossen 1977: ‚.. sub Paulo VI Papa... Henrico Tenhumberg episcopo... Ewald Stratmann pastore... Josef Deitmer initiatore.‘ —3. Glocke 1 D‘ Bronze gegossen 1974: ‚.. Regina pacis. —4. Glocke Ton F‘ Bronze gossen 1972 Lukas, dem Evangelisten und Arzt. — 5. Glocke Ton Bronze gegossen 1970 St. Benedikt ora et labora.‘ — 6. Glocke Ton Bronze gegossen 1948, handgezogene Wandlungsglocke: Marienminne Westerholter Bürger goss mich. Allmählich machten sich Bergbaueinwirkungen an der Kirche bemerkbar. 1928 waren die Schäden so groß, dass das ganze Gotteshaus auf Kosten der. Zeche instandgesetzt werden musste. Mit dieser Maßnahme wurde aber gleich ein bedeutsamer Schritt zum Ausschmücken des Kircheninnern gemacht. Man beauftragte den Düsseldorfer Kunstmaler Prof. Bernard Gauer den ganzen Raum auszumalen. Zusammen mit der Firma Richard Schlechter tat Gauer dies mit großem Elan und in derart kraftvoller Weise, wie man nach Eklektizismus und Jugendstil nicht häufig findet. Man wird an Friedrich Stummel erinnert, der 1919 starb und bis dahin sehr viele Kirchen ausmalte darunter so bekannte wie die Basilika in Kevelaer. Ein Vorlagenwerk für Aufträge (vgl. den Bremer Dom) schuf in den ersten beiden Jahrzehn unseres Jahrhunderts auch Professor H. Schaper aus Hannover (184 1919), der Lehrer von Bernard Gauer. Bernard Gauer, dessen Arbeit vom Spiel mit Komplementärfarben gekennzeichnet ist, schuf neben der Architekturmalerei drei große Wandbilder mit der Anbetung der Weisen, der Bergpredigt Jesu und Christi Auferstehung. Gauer, der eine Neigung zum Byzantischen hatte, ging anschließend nach Italien. Bis 1930 waren die Arbeiten, bei denen auch der Hochaltar vergoldet, Chorgestühl fertiggestellt, die Orgelbühne erweitert und vieles andere miterledigt wurde, abgeschlossen. Dann tat sich für die Martinuskirche lange nichts Entscheidendes mehr. Den Krieg überstand sie relativ unbeschadet, von einigen zerbrochenen Fenstern und vielen Splitterlöchern abgesehen. Die Kirche konnte 1969—1978, nachdem ein Wasserspeier vom Turm stürzt war, grundlegend instandgesetzt werden. Dabei erhielt der Essener Kirchenmaler und Restaurator Dieter Berchem den Auftrag, Bernard Gauers Malereien von 1928/30 genau ein halbes Jahrhundert später vollständig zu sanieren und wiederherzustellen, ein Zeichen für die neue allgemeine Wertschätzung dieser baukünstlerischen Leistung und für den Stolz der St. Martinusgemeinde, ein so seltenes Gesamtkunstwerk zu besitzen. Die beiten leitete Architekt Josef Gebauer (gest. 1979).

Kurze Führung durch die Kirche Weiterlesen ...

Wir betreten die St. Martinuskirche von der Westseite her entweder unter Rose im Turm durch das Hauptportal mit dem vierfach abgetreppten wände und mit neuen Bronzeflügeln von Josef Krautwald (1980), auf denen das Teilen, Brotbrechen, Mitteilen, Teilhaben und Ant nehmen dargestellt ist. Oder wir kommen durch den nordwestlichen Eingang links neben dem Turm in die Kirche, ebenfalls mit neuen Bronzeflügeln Josef Krautwald (1981), mit den neutestamentlichen Darstellungen: die wundderbare Brotvermehrung, Jesus der Lehrer, Segnung der Kinder und Tempelaustreibung. Die Vorräume im Turmuntergeschoß und seitlich s miteinander verbunden. Aus dem Turmquadrat, also der mittleren Vorhalle, bietet sich sogleich fesselnder Blick in einen ungewöhnlichen Raum, dies noch mehr, wenn festliche Beleuchtung erstrahlt. Wir sehen in ein dreischiffiges Langhaus. kennen die Vierungskuppel in der Kreuzung mit dem Querschiff und das schließende Chorhaus, alles in reichster Farbigkeit von glänzend schwar: Granitsäulen über gelbliche und rötliche Sandsteinquaderungen bis zu Ieu tend blauen Gewölbeflächen, in die nicht weniger farbenfreudige Malere hineingesetzt sind. Und überall dazwischen blitzt echtes Blattgold. Die Vorhalle öffnet sich zum Kirchenschiff mit drei Bögen unter der Sängerem~ re getragen von zwei neuromanischen Säulenpaaren, wieder aus belgisch Granit mit stark plastischen Basen und reich geschmückten Würfelkapitellen Je zwei Säulen gleicher Art sehen wir im Langhaus, aber im Wechsel mit Qt dratpfeilern. Dies folgt gutem, rheinisch-hochromanischem Vorbild. Denn Langhaus besteht aus zwei quadratischen Jochen im „gebundenen System“ d.h. ihnen entsprechen vier quadratische Seitenschiffjoche etwa halber Seitenlänge. Die Hauptjoche sind ebenso wie die seitlichen mit kreuzrippent wölbten Baldachinen überspannt. Sie übertragen ihre Lasten aber nur auf schweren Pfeiler, wohingegen sich die Seitenschiffgewölbe zusätzlich auf schönen Zwischensäulen abstützen. Dazu sind auch die Wandvorlagen den Außenwänden der Seitenschiffe da. Breite Gurtbögen trennen die groli Raumteile voneinander. Im Querhaus verläßt der Baumeister den tradien Kanon, indem er hier nicht nur eine flache Kuppel auf einen besonders abgestützten Vierungs-Rippenring aufsetzt, sondern auch auf quadratische Querhausarme verzichtet zugunsten nur wenig nach außen vortretender, schmalrechteckiger Querjoche. Räumliche und formale Fortsetzung finden die drei Schiffe östlich des Kreuzschiffes in einem durchbrochenen Staffelchor mit je einem Chorquadrat und einer Halbrundapsis. Der Hauptchorschluß (5/10) hat einen fünfteiligen Grewölbeschirm auf Rippen und Diensten, nachdem er zuvor triumphbogenartig eingezogen ist. Der Querschnitt der Martinuskirche ist „basilikal mit hohem Mittel- und niedrigen Seitenschiffen. Daraus ergibt sich eine günstige Lichtführung für den Hauptraum aus höhengestaffelten Dreifenstergruppen in jedem Joch hoch oben über den Seitenschiffdächern, die ihrerseits in dem Bereich, wo sie gegen die Hochschiffwände stoßen, keine Lichtöffnungen ermöglichen. Stattdessen gibt es hier einen Laufgang, der sich über einem Horizontalgesims als Triforium mit Doppelbögen und eingestellten Säulchen zum Langhaus hin öff­net. Im Wandaufbau sind die scharf in die Mauerflächen eingeschnittenen Ar­kadenbögen unten ebenso hoch wie die Wölbzone oben von den Kämpferkapitellen bis zum Schlußstein. Auch diese Proportionen entsprechen „klassi­schen Vorbildern.Ein wichtiges und beliebtes Bauelement sind die Fensterrosen: Eine erste sa­hen wir über dem Hauptportal. Die gleichen Achtpaß-Rundfenster schmücken die Ouerhausgiebel. Beim Eintritt in das Langhaus erblickt man aber schon fünf weitere kleine Rosetten im Chorabschluß unter dem Gewölbeschirm‘ eine von den darunter angeordneten Rundbogenfenstern losgelöste Fünfpaß­Form, und das ist eher eine eigenständig neuromanische Idee. Gehen wir weiter vor bis in die Vierung, so zeigt sich, daß die Wandgliederung des Langhauses in den Kreuzschiffenden ähnlich herumgeführt ist. Nur sind hier die Triforienöffnungen dreiteilig und die Obergadenfenster einzeln angeordnet. Jetzt können wir auch die Gewölbemalereien von Bernard Gauerin der von Dieter Berchem restaurierten Form näher betrachten: In der Kuppel erscheint das Gotteslamm mit Nimbus und Kreuzfahne auf dem Hügel, von dem die vier Paradiesflüsse Phison, Euphrat, Tigris und Gehon ausgehen. Hirsche laben sich an den frischen Wasserquellen. Der Regenbogen des Bundesschlusses überwölbt die Szene von einem Teil der Herde bis zum andern. Die Umschrift preist das Lamm mit Worten der Apokalypse. Vier Engel mit Tafeln der Kardi­naltugenden erscheinen in den Zwickeln zwischen den Stützrippen. Die Malerei in der östlichen Wölbkappe des Chorquadrats steht über dem Triumphbogen, auf dem wir das Bildthema lesen: ‚‚Saget es den Völkern, daß der Herr der Herrscher ist am Kreuze. Der Gekreuzigte ist voll bekleidet und gekrönt, umhüllt von einer Mandorla und strahlendem Licht. Zu seiner Seite stehen die Figuren des Alten und des Neuen Bundes: Ecclesia und Synagoge. Noch einmal sehen wir Christus als Herrscher im Apsis-Gemälde. Der Panto­krator sitzt, in einen Königsmantel gehüllt, auf dem Thron und trägt die Zei­chen der Macht. Vier Cherubim flankieren das Bild der Maiestas Domini in den anschließenden Gewölbekappen. Die Wandmalerei ist bis in die Sockelzone der Apsis herunterführend die eines königlichen Festsaales, eine Inter­pretation des 1925 in der Kirche eingeführten Christ-Königs-Festes. Die gro­ßen Wandbilder im Chorjoch zeigen auf der Nordseite die jetzt erst wieder freigelegte Auferstehung Christi, auf der Südseite die Anbetung der Weisen und über beiden Szenen jeweils sechs Apostelfiguren. Im Triforium des Querhauses stehen links (nördlich) St. Ludgerus und rechts (südlich) St. Martinus. Das Bitdthema der Querhausnordwand ist zweigeteilt: Jesu Kindersegnung und die Seligpreisungen. Die Ausstattung der Martinuskirche ist weitgehend noch die ursprüngliche. Der Hochaltar von 1908 mit dem Retabel von Dr. Witte zeigt geschlossen links Jesu Darstellung im Tempel mit Simeon und Anna, rechts wieder die Km­dersegnung. Geöffnet kommen vier Szenen zum Vorschein: Christus in der Passion, Blut schwitzend, gegeißelt, mit Dornen gekrönt und das Kreuz tra­gend. Am südwestlichen Vierungspfeiler steht noch die Kanzel von Falga aus dem Jahre 1913. Ihre drei Bronzereliefs erzählen aus dem Leben St. Martins: Mar­tin, den Mantel teilend; Martin mit seinem Traumgesicht und Martins Tod. —Die Nebenaltäre sind im nördlichen Nebenchor (Taufkapelle mit Osterkerze von Krautwald) der hl. Familie und im südlichen der schmerzhaften Mutter geweiht. — Von den Einzelbildwerken ist besonders die Madonna unterder gräflichen Loge aus dem 16. Jahrhundert bemerkenswert, eine Hartholzsta­tue mit alten Gold- und Farbspuren. Sie überragt an Rang weit die beiden Nachkriegs-Schnitzwerke der HlI. Antonius und Hieronymus (Röwer 1946). Einige alte Bänke mit geschnitzten Wangen sind aus der alten Kirche über­nommen. — Die Fenster im Chorschluß hat Friedrich Stummel vom Nieder­rhein 1903 entworfen. — In jüngster Zeit wurde ein in den Laacher Kunstwerk­stätten geschmiedetes Abschlußgitter unter der Empore eingebaut. Auch die Leuchterkronen sind neu. — Am nachkonziliaren Zelebrationsaltar und am Ambo sind Gitterteile vom alten Taufbrunnen neuverwendet. Ein Blick auf den Außenbau der Kirche bestätigt die streng historisierende Baukunst Kerstings, wie wir sie im Innenraum bereits gesehen haben. Klar sind die einzelnen Bauteile voneinander abgesetzt. Jedes Element ist für sich ablesbar: der viergeschossige Westturm mit Dreiecksgiebeln und achtseiti­gem Spitzhelm; das basilikale Langhaus mit den niedrigen Seitenschiffen, dessen Struktur sich im Chor fortsetzt; das durchlaufende Querhaus mit sei­nen Schaufronten; das niedrig angesetzte Halbrund der Apsiden mit ihren Ke­geldächern. Ebenso selbstverständlich zeichnen sich die Eingänge als leicht vortretende Baukärper mit eigenen Giebeln und die Treppentürmchen am Hauptturm als Dreiviertelrundschäfte unter Kegeldächern ab. Rundbogen­ friese und Gesimse lau­fen um alle Gebäude­teile herum, folgen den Giebeln und binden die reichgegliederte Bau-gruppe zusammen. Schließlich fehlen auch nicht die schmückenden Zwerggalerien unter dem Dachansatz der Treppentürmchen und der Mittelapsis.

Zur Bedeutung der Martinuskirche Weiterlesen ...

Noch 1888 war in der Zeitschrift für christl. Kunst in Düsseldorf die Frage des Jahrhun­derts „In welchem Style sollen wir bauen?‘ er­neut gestellt und darauf­hin in der Diskussion um „Romanisch oder Gotisch‘ der Neuromanik das Wort geredet wor­den. Vordergründig hieß es: „Bauen wir in dem­jenigen Stil, in dem wir bei den vorhandenen Geldmitteln am besten wegkommen und am besten im Stande sind, ein künstlerisch abge­rundetes Ganzes herzustellen“. Eine zündende Idee war das nicht. Bauschöpfer und Klerus waren sich einig: „[Man] greift irgendeine Anregung auf, gleichgültig, in welcher Zeit [man] siefindet, entkleidet sie ihrerzeitlichen Nuance und fügt sie der neuen Schöpfung ein,.., aber ohne Zweifel greift [man] aus dem Mittelalter oder Barock nur heraus, was [der] Eigenart ent­spricht“, schrieb Max Creutz 1910. Und noch 1912 verordnete der Kölner Erz­bischof: „Neue Kirchen sind der Regel nach nur im romanischen oder goti­schen bzw. sog. Ubergangsstile zu bauen...“ Am stärksten unterstützte die Kirchenbauer der Wettbewerb für die Berliner Kaiser-Wilhelm Gedächtniskir­che 1890. Fünf der neun Teilnehmer hatten neuromanische Projekte einge­reicht, so auch der 1. Preisträger Franz Schwechten, dessen Plan dann als das „wichtigste neuromanische Bauwerk Berlins und... fanal für die Wiedergeburt der Romanik auch in Mitteldeutschland“ (Albrecht Mann) mit großem Stolz gebaut wurde. Die Deutsche Bauzeitung prophezeite sogleich, dieses Vorbild werde „der Ausbreitung [dieses Stils] Vorschub leisten“, und die Nachfolgebauten schossen dann allenthalben empor zum Wohlgefallen des Kaisers, denn für ihn war es ein Anknüpfen an den Stil der mittelalterlichen Kaiserzeit. Neuromanik, Neugotik, Historismus und Klassizismus verdanken ihre Geschichte und Bedeutung wohl allein der Tatsache, daß jede dieser Richtungen (Ballast-) Träger für weltanschauliche Dogmen war. Architektur und Architekten hatten ihr freies Handeln verloren und waren zum Vehikel von Doktrinen geworden. In diesem Gesamtbild ist auch die Westerholter Martinuskirche zu sehen. In der möglichst perfekten „reinen christlichen Kunst‘ in Architektur und Bildne­rel sah man einen Weg, die ins Wanken geratene Welt geistig und religiös zu restaurieren und mit ihren abendländischen Wurzeln aufs Neue zu verbinden.

 

Schluss: Sieht man vom Turm der Martinskirche, so erblickt man etwas von der sog. alten, heilen Welt, die „Freiheit Altwesterholt, das westfälische Rothenburg mit seinen engen Gassen und Winkeln und mit seinen malerischen Fachwerkhäusern, deren Hausinschriften teils noch von der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg (1618—1648) erzählen. Inmitten dieser „mittelalterlichen Stadt im Kleinformat‘ steht die Alte Kirche, die schon das Martinspatrozinium trug und damit auf sehr frühe Gründung und eine sehr alte Vor­gängerkapelle hindeutet. Der kleine gothen Teil wird Herrn Friedrich Schlüter, Westerhoit, gedankt. Der Bau ist restauriert und bewahrt einige wertvolle, alte Einrichtungsstücke. Er trägt auch die Erinnerung an bewegte Zeiten, Bedrängnisse, Glaubenstreue und Hexenwahn, dem 1706 noch Anna Spickermann, eine hübsche junge Frau, die ein Abgewiesener verleumdet und als Hexe angeklagt hatte, nach Fehlurteil und grausiger Folter auf dem Scheiterhaufen zum Opfer gefallen ist. Dr. Heinz Dohmen

Schrifttum: St. Martinus Westerholt im Wandel der Zeiten, Hrsg. Pfr. Bensch 1962— Aus Hertens Vergangenheit, Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde — Heimatgeschichte von Westerholt (Manuskr. der Stadt Herten o.J.) — Weyres/Mann, Handbuch zur rhein. Baukunst des 19. Jh., Köln 1968— A. Mann, Die Neuromanik, Eine rhein. Komponente im Historismus des 19. Jh., Köln 1966 — Max Creutz im 7. Sonderheft 1910 der Architektur des XX. Jahrhunderts, Berlin